LangFM

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Language. People. Stories.

Sign of the times II - Deutschland

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[Musik: "Love, love, peace, peace"]

Hallo, hier ist LangFM, der Podcast über Sprache und was man so alles damit anstellen kann. Ihr hört Folge 2 einer dreiteiligen Miniserie über das Gebärdensprachdolmetschen. Nachdem wir uns in der ersten Folge vor allem in Schottland umgeschaut haben, geht es diesmal nach Deutschland.

[Musik: "Love, love, peace, peace"]

Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich bin eigentlich kein großer Fan des Eurovision Song Contest. An den ESC 2016 in Stockholm aber kann ich mich noch ganz gut erinnern. Er war in vielerlei Hinsicht denkwürdig: Mit „Heroes“ hatte Vorjahressieger Måns Zelmerlöw die Großveranstaltung in seine schwedische Heimat geholt, die er zusammen mit Petra Mede auch selbst moderierte.

Der Siegertitel der ukrainischen Sängerin Jamala war schon im Vorfeld politisch heftig umstritten. Und das Schlusslicht der Beiträge bildete einmal mehr: Deutschland. Ganz vorn dabei allerdings war Deutschland in Sachen Sprache und Inklusion.

[Musik: "Love, love, peace, peace"]

„Na ja den Eurovision Song Contest hatte ich zusammen mit zwei ganz großartigen Kollegen aus Hamburg gemacht. Die ganze Sendung ist so viereinhalb, fast fünf Stunde; es war der Wahnsinn. Es gab weltweit keinen einzigen zweiten Anbieter, der neben diesem Angebot aus Stockholm, die das in International Sign gemacht haben… Der NDR war der einzige Sender weltweit, der das nochmal mit einer nationalen Gebärdensprache, also einer tatsächlichen Sprache, nochmal angeboten hat. Das hat weltweit kein anderer Sender gemacht oder sich getraut.“

[Musik: Scott Holmes - "Positive and Fun"]

Darf ich vorstellen? Die deutsche Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber. In Sachen Gebärdensprache und Musik in Deutschland ist Laura eine echte Koryphäe. Aber fangen wir mal am Anfang an. Laura ist Ossi, so wie ich. Sie kommt aus dem Spreewald. Aus Lübben, um ganz genau zu sein.

„Ich bin Spreewälderin, ganz ursprünglich auch, ein Teil meines Herzens hängt da auch immer noch. Also ich hab da immer noch gute Freunde, Oma wohnt da noch. Der Spreewald ist immer so ein bisschen dabei und als echte Spreewälderin hat man halt auch immer so Sachen wie anständiges Mückenspray dabei. Ich komme aus Lübben und wir sind sehr stolz darauf, dass Lübben die Kreisstadt ist. Und wir haben ein paar ganz nette Sachen für Touris und da kann man auf jeden Fall mal hinfahren. Also viele von denen die irgendwie da noch wohnen, die fahren tatsächlich ganz selten in Urlaub sondern irgendwie ins nächste Dorf nebenan und nehmen sich da ein Zimmer, weil es einfach so schön ist da. Wenn das Wetter passt ist das echt großartig. Schönes Fleckchen Erde.“

Schon im Kindergarten ging Laura zur musikalischen Früherziehung, allerdings nicht unbedingt so gern:

„weil die immer so gelegen war, dass ich aufstehen musste vom Mittagsschlaf, ganz unangenehm! Das geht gar nicht, liebe Musikschullehrer, macht das nicht!“

Aber Laura hat sich nicht abschrecken lassen und blieb dran. Sie spielte Instrumente,

„Dann wollte ich unbedingt Saxofon spielen, aber das Saxofon war leider größer als ich, deswegen musste ich Blockflöte spielen.“

turnte, begann zu tanzen und wollte dann auch noch Gesangsunterricht nehmen. Aber da kam von ihren Eltern der Einspruch:

„Kind, ich glaube es reicht, ich glaube, du singst mal unter der Dusche weiter. Und ich wollte das so unbedingt machen, dass ich gesagt, gar kein Problem: Dann suche ich mir halt einen Job. Und hatte dann noch'n Termin in der Woche mehr, aber dann konnte ich halt den Gesangsunterricht selber bezahlen.“

Bei so einer musisch geprägten Kindheit würde man einen klar vorgezeichneten Berufsweg erwarten. Zumindest ging es Laura so:

„Es war so vorgezeichnet. Es war nach der Grundschule ganz klar: Ich gehe ans Gymnasium. Und es war nach dem Gymnasium total klar, ich mache Abitur. Es war auch völlig klar, dass Laura studieren geht. War aber andersherum auch klar, dass wenn ich in keinem meiner Instrumente so gut bin, dass ich's studieren kann, fällt es aus als Beruf. Geht nich. Ne Beamtentochter. Geht nicht. Also musste ich mir dann was anderes einfallen lassen quasi. Und bin dann echt lang gestrauchelt. Das war schon bestimmt 'n Jahr, so letztes Jahr Abiturphase, wo ich echt nicht wusste, wohin mit mir danach.“

Wie schön, wenn man bei so einer Durststrecke einen richtig guten Freund wie Edi hat!

„Also nachdem ich dann so gar nicht wusste, was ich machen soll, habe ich sehr lange und oft mit meinem bis heute noch besten Freund gesprochen. Und Edi ist jetzt seit 15 Jahren ungefähr taub und blind, ist aber sehend und hörend geboren. Es war ein ganz gesundes Kind und ist ganz normal aufgewachsen und hat durch eine Erbkrankheit seinen Sehsinn und seinen Hörsinn verloren. Und gerade in der Zeit, in der das akut wurde, haben wir uns kennengelernt. Und weil das relativ schnell so war, dass es genervt hat, als wir gespielt haben, wir waren beide irgendwie acht und zwölf, also echt Kinder, haben wir einfach angefangen, uns so Sprachen auszudenken, irgendwelche Zeichen, Symbole für Buchstaben. Also ich habe ihm einmal auf dem Kopf auf den Kopf geklopft: das war der i-Punkt fürs I. Einmal Finger auf'n Mund war das M. Nase war das N. Und so Sachen, die man sich einfach leicht merken kann, und die irgendwie easy auszuführen sind. Und er war dann derjenige, der gesagt hat: Merkste eigentlich was?“

„Lern’ doch mal 'ne richtige Sprache“, schlug Edi vor. Genau das hat Laura dann auch gemacht.

„Ich habe quasi ein Au-Pair-Jahr in Gehörlosistan gemacht.“

Richtig. In Berlin war Laura auf der Suche nach Kursen für Gebärdensprache fündig geworden. Aber die über 80 km von Lübben in die Hauptstadt will man ja nicht unbedingt zwei Mal täglich zurücklegen. Eine Wohnung musste her!

„Da war ich dann zum Glück wirklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe eine Familie gefunden, die taube Eltern hat und hörende Kinder. Immer morgens hat mich die Mutter geweckt, und hat mir halt in Gebärdensprache erzählt, wann, wo, wie ich die Kinder abholen soll, wer welche Sachen machen muss und wer wohin gebracht werden muss. Und am Anfang war das immer so, oh Gott, oh Gott, kannst du das aufschreiben? Die war knallhart. 'Du bist hier zum Sprachenlernen, ich sage es noch mal. Ich erzähl dir das so lange, bis du's verstanden hast.' Und das hat am Anfang echt lange gedauert. Aber die war cool. Die waren echt auf Zack. Ja, so hab ich echt unheimlich schnell gelernt. Das war echt großartig.“

[Musik: Ryan Andersen - Sweet Life]

Ein echter Sprung ins kalte Wasser. Mitten in Gehörlosistan.

Dabei ist es für viele Hörende, die anfangen, deutsche Gebärdensprache zu lernen, gar nicht so einfach, Anschluss an die Community zu finden. Ist ja eigentlich auch klar: Als Hörende sind wir nämlich „gebärdensprachbehindert“. Das fängt schon dabei an, dass viele, mich eingeschlossen, gar nicht so gut Bescheid wissen über, nein, nicht Zeichensprache, sondern: Gebärdensprache. Daher an dieser Stelle ein kleiner Exkurs.

Stichwort: Deutsche Gebärdensprache, kurz: DGS. Die Deutsche Gebärdensprache wird in Deutschland und Luxemburg von rund 80.000 Gehörlosen und etwa 120.000 Hörenden bzw. Schwerhörigen gesprochen. Die DGS gehört u.a. mit ihrem polnischen Pendant zur Familie der deutschen Gebärdensprachen und unterscheidet sich damit deutlich von der Deutschschweizer und der Österreichischen Gebärdensprache. Die gehören ihrerseits interessanterweise zur französischen Gebärdensprachfamilie. Eines hat die DGS aber mit so gut wie allen anderen Gebärdensprachen gemeinsam: die langjährige Unterdrückung. Über Oralismus habe ich ja in Folge 1 dieser LangFM-Miniserie schon einiges erzählt, bspw. über die Mailänder Konferenz. Gerade in den Schulen wurde das Gebärden zum Teil strengstens unterdrückt. Die Eltern wurden dazu gedrängt, mit ihren gehörlosen oder schwerhörigen Kindern nur in Lautsprache zu kommunizieren. In den letzten Jahrzehnten, und gerade seit dem Behindertengleichstellungsgesetz 2002, hat sich aber in Deutschland schon einiges getan. Zumindest offiziell ist die DGS als eigenständige Sprache anerkannt. Menschen mit Hör- bzw. Sprachbehinderungen haben das Recht, DGS, Gebärden oder sogenannte „andere geeignete Kommunikationshilfen“ zu verwenden. Das passiert dann bspw. bei Arztbesuchen.

„Da hat 'ne gehörlose Frau 'nen ganz schönen Begriff dazu geprägt. Die hat gesagt, naja, eigentlich würfeln wir Gehörlose den ganzen Tag. Wir verlassen uns immer darauf, dass der Dolmetscher, dem wir heute unser Leben darlegen, weil er mit zum Arzt kommt, weil der meine Kinder kennt, weil der im Zweifel auch mal bei mir im Wohnzimmer sitzt, dass der morgen noch da ist. Keine Ahnung, weiß ich nicht, vielleicht hat der morgen Bock, was anderes zu machen. Und das ist dieses Würfeln, fand ich ein ganz schönes Bild dafür, dass das Vertrauen, das wir da genießen, unheimlich hoch ist, und dass man das sehr, sehr wertschätzen muss, damit sehr, sehr achtsam umgehen muss, das finde ich ganz wichtig.“

Aber Moment mal: Wie ist Laura jetzt vom Gebärdensprachlernen zum Dolmetschen gekommen?

„Ich hab schon in den Kursen gedacht, ich habe total Bock irgendwas mit der Sprache zu arbeiten. Ich hatte großartige Lehrer, die waren irgendwie einfach gut drauf. Ich habe dann irgendwann angefangen, in der Gebärdensprachschule zu arbeiten, weil die Assistenten gesucht haben, die so ans Telefon gehen und mal irgendwie 'ne Email Korrektur lesen, Arbeitsassistent nennt man das. Weil Deutsch für viele Gehörlose eine Fremdsprache ist. Ich dachte irgendwann: Ich will in dieser Sprache arbeiten, aber nur Arbeitsassistenz war so ein Punkt, nee, hier möchte ich eigentlich nicht stehen bleiben. Ich war ja auch erst 21. Ich hatte ja an Ausbildung oder so noch nichts gemacht. Mir war klar, da kommt noch irgendwas.“

Nach einigem Überlegen und einigen Anläufen meldete sich dann die Humboldt-Universität in Berlin...

„und sagte Frau Schwengber Sie Haben sich doch da damals mal beworben. Ja, da wäre jetzt ein Platz frei. Und dann bin ich allerdings nicht ins Lehramt, sondern in die Deaf Studies gerutscht, das ist Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft … was total großartig ist für die Sprachbildung ist, dass fast alle Dozenten taub sind und man am Anfang noch einen Dolmetscher hat. Irgendwann sitzt der Dolmetscher nur noch da, falls man wirklich den Faden verliert, dann kann man den fragen. Das macht man natürlich bei 15 Leuten im Semester nicht so oft. Und relativ schnell sitzt da einfach kein Dolmetscher mehr. Und wenn man dann halt Soziologie nicht in Gebärdensprache versteht, in der Fremdsprache, dann sollte man schleunigst irgendwie was tun. Und dadurch wird man aber einfach sehr schnell sehr gut. Der Druck ist unheimlich hoch, aber es lohnt sich unterm Strich total. Ich bin dann aber nicht in den Master, sondern habe die staatliche Prüfungen gemacht zum Dolmetscher. Ich bin quasi - diese klassische Dolmetschausbildung, die habe ich quasi übersprungen, weil ich während des Studiums schon sehr sehr viel einfach gemacht habe für Kollegen, für ehemalige Kollegen, für Freunde, und ich immer gesagt habe, wenn ich schon rausgehe und irgendwie, ja, mehr oder weniger dolmetsche, dann kann ich mich auch mal vor eine Prüfungskommission stellen und die fragen, ob ich das überhaupt machen sollte, weil ich's kann oder nicht kann. Und als die dann sagten, ja, Frau Schwengber, sie können das, bestanden, hier ist ihr Zeugnis, hab ich natürlich auch diesen Master nicht mehr studiert.“

So wurde Laura also zur Gebärdensprachdolmetscherin. Und das zu einem guten Zeitpunkt. Die Nachfrage nach qualifizierten DGS-Sprachmittlern steigt nämlich. Wer einmal mit einem Profi gearbeitet hat, muss sich zukünftig nicht mehr allein durchwursteln oder ein Familienmitglied mitbringen, sondern kann sich auf eine professionelle Dolmetscherin verlassen. Zumal die Krankenkasse die Kosten dafür übernimmt. Wer jetzt aber denkt, dass man Gebärdensprachdolmetscher nur in Arztpraxen oder Amtsstuben antrifft, ist auf dem Holzweg:

„Dadurch dass wir eben doch alles Generalisten sind, und kaum einer von uns sich auf einen wirklich speziellen Bereich spezialisiert, sondern ich morgens bei einer Teamsitzung sitze in einer Firma, die technische Bohrer herstellt, und am nächsten Tag beim Arzt sitze, da geht es irgendwie vielleicht um eine Krebsdiagnose, und am übernächsten Tag dolmetsche ich Biounterricht im Abitur. Das ist total unterschiedlich. Also nicht immer, aber habe ich so das Gefühl mit mehr Kollegen werden auch die Auftragsvielfalt und auch die Auftragsdichte wesentlich höher, und natürlich dadurch, dass es mittlerweile Institutionen gibt die sagen: Wir machen eine öffentliche Veranstaltung. Selbstverständlich muss die so barrierefrei wie möglich sein! Und egal, ob sich da jetzt, also es muss sich keiner anmelden. Warum sollen sich die Gehörlosen anmelden? Das wäre eine Diskriminierung. Das machen wir nicht. Dolmetscher sind da. Und wenn kein Gehörloser da ist, wir haben Dolmetscher und dann ist's OK. Das heißt natürlich auf der einen Seite, es werden in Einsätzen Kräfte gebunden, wo eigentlich in dem Moment akut kein Gehörloser ist. Auf der anderen Seite ist es für die Öffentlichkeitsarbeit natürlich bombastisch, wenn einfach Dolmetscher da sind. Allein für den Beruf ist das natürlich toll, und es gibt uns natürlich auch die Möglichkeit, in Einsätzen wo jetzt mal doch kein Gehörloser ist, wo wir natürlich trotzdem dolmetschen. Klar, wir werden bezahlt fürs Arbeiten, also machen wir es dann auch. Haben wir haben natürlich in den Pausen, wo dann eben kein Gehörloser da ist, der die klassische Mittagspause nutzen möchte, um mit Hörenden zu kommunizieren, was sie natürlich auch möchten; da haben wir dann eben Zeit, einfach die klassischen Fragen zu beantworten: Ist Gebärdensprache eigentlich international? Wo studiert man das, wie macht man das? Mensch, meine Tochter, oder ich selber, oder… Das ist großartig. Also ab und zu so ein Einsatz ist echt, ich feier’ die sehr.“

[Musik: Podington Bear - 60s Quiz Show]

Herzlich willkommen zu einer neuen Runde Gebärdensprache-Bullshit-Bingo! Auch heute haben wir wieder einen bunten Blumenstrauß von Missverständnissen und falschen Vorstellungen für Sie zusammengestellt:

  • [Ping] „Zeichensprache!“ [Buzzer] „Zeichen sind quasi willkürliche Zeichen die jeder machen kann, so wie Gesten, und Gebärden sind eben festgelegt. Ist so ein bisschen wie Wörter. In der deutschen Sprache kann ich ja auch nicht irgendwelche Laute erfinden und sagen, das heißt jetzt Baum! So, das kann ich machen, versteht halt keiner.“
  • [Ping] „Lippenlesen!“ [Buzzer] „Das, was wir unter Lippenlesen verstehen ist so, dass zumindest im Deutschen man nur 30 Prozent ablesen kann, weil einfach das Verhältnis aus den Lauten, die wir machen im Deutschen und den Mundbildern, also das, was die Lippen an unterschiedlichen Bewegungen machen, beim Sprechen nur zulässt, dass 30 Prozent unterschiedliche Bilder dabei rauskommen. Der Rest ist einfach so weit hinten im Kehlkopf und so weit hinten im Mund, das sieht man nicht. Das ist nicht da. Das kann jeder mal ausprobieren, wenn man die Wörter Mutter und Butter sagt. “
  • [Ping] „Toll, da können Sie ja international mit allen Gebärdensprache sprechen!“ [Buzzer] Es gibt nicht die eine internationale Gebärdensprache. Warum sollte es anders sein als bei den gesprochenen Sprachen. Was es allerdings sehr wohl gibt ist „International Sign, das ist quasi eine Form, die sich mehr auf so bildhafte Elemente der Gebärdensprache bezieht. Jeder hat vielleicht so ein Bild im Kopf von so zwei Händen am Lenkrad oder so zwei Händen, die so ein Spitzdach bieten, wie Haus. Das sind im Deutschen 30 Prozent, und es gibt halt einige Gebärden weltweit, auf die man sich so geeinigt hat und wo man so ähnliche Bilder draus bauen kann, so dass sie eben weltweit verstanden werden.“

[Musik]

„Ich glaube ganz oft kommt es sehr viel mehr auf das an was so zwischen den Ohren passiert, als das, was vorne rauskommt.“

[Pause]

Spannend ist aber auch, was IN die Ohren REINkommt. Musik zum Beispiel. Haben Gehörlose eigentlich was von Musik?

„Es gab irgendwann ein Seminar der Uni, das hieß ‚Alternative Formen der Gebärdensprachverwendung‘. Und eine oder zwei Wochen davon haben wir uns damit beschäftigt, wie man Musik gebärden kann, und jeder von uns sollte mal so gebärden. Laura war einfach sehr schlecht drauf. Ich fand alles doof, und dann war ich dran und musste mein Lied vorstellen, und das war Tim Bendzko.

[Musik: “Nur noch kurz die Welt retten“]

"Danach dachte ich, wenn ich jetzt irgendwen retten muss, der ist leider verloren, tut mir Leid. Und dann hab ich dieses blöde Lied gemacht, und war froh, als ich fertig war, hab noch alle angeblöfft, wie, ihr filmt das hier. Alle haben irgendwie gefilmt, und ganz toll, und auch ein schönes Projekt. Ging gar nicht. Wochen vorher fand ich es noch großartig; an diesem Tag einfach nicht. Und eine Woche später ruft mich meine Kommilitonin an, sagt: Du Laura, ich hab mal deine Adresse weitergegeben. Was, ja, OK. Dann kriege ich eine Facebook-Nachricht, eine Facebook-Nachricht, von einer Volontärin vom NRD, die sagte, ich bin hier NDR tralala. Und ich las das und dachte: bestimmt schreibt der Norddeutsche Rundfunk seine Leute per Facebook an! Das glaubste ja selber nicht. Und hab dann weitergelesen. Und dann waren die für den Tag der Gehörlosen - das ist immer am letzten Wochenende im September - haben die jemanden gesucht, der Musik in Gebärdensprache übersetzt, und meine Kommilitonen hatte mich empfohlen, weil sie Tim Bendzko so toll fanden von mir. Ich dachte bis zum Schluss, dass funktioniert nicht, aber eh wir machen das mal. Und innerhalb von einer Woche oder so hatten wir die ersten hunderttausend Klicks bei YouTube. Und ich war völlig so: was, Moment. Ah, das kann schiefgehen. Oh ja, ich verstehe, ich hatte das komplett unterschätzt, was für eine Reichweite einfach mal der Norddeutsche Rundfunk hat, und dann natürlich die ARD und so weiter. Klar. Und ich wurde komplett überfahren.“

Das war der Anfang von etwas ganz Großem. Inzwischen hat Laura mit dem Norddeutschen Rundfunk über 80 Videos produziert, in denen sie Musik nach Gehörlosistan bringt. Ein, zwei Mal im Jahr werden neue Clips gedreht. Laura bekommt vorher die Texte, kann sich damit intensiv vorbereiten. Und der NDR kümmert sich inzwischen darum, dass auch die Plattenfirmen mitspielen. Schaut euch die Videos einfach mal an - Links findet ihr in den Show-Notes für diese Podcast-Folge, auf www.langfm.audio. Aber zurück zum NDR. Und zur Musik. NDR? Musik? Eurovision Song Contest!

„Der NDR ist ja der zuständige Sender auch für den Eurovision Song Contest für Deutschland. Und die sind auf mich zugekommen und haben gesagt, Mensch Laura, du bist unsere Frau für die Musik. Mach mal! Hast du da Zeit? Wenn du keine hast, dann nimm dir mal welche! Es war echt ein unheimlich schönes Erlebnis. Wir hatten die Technikproben zusammen. Wir durften diese unendlich geheime Jury-Sitzung gucken, die immer freitagabends läuft, die durften wir zur Generalprobe nutzen. Und saßen da ganz andächtig im Studio und waren so: wow! Für den ESC habe ich, ich glaube vier Wochen vorher, so die offizielle Pressemappe bekommen. Da sind quasi die Infos drin, aus denen auch die Moderatoren ihre Teaser schneiden und so Sachen. Und alle Liedtexte, wenn sie nicht schon auf Englisch sind oder auf Englisch übersetzt, und eben auch in der Originalsprache, so dass man auch eine Vergleichsmöglichkeit hat. Zum Beispiel die Sachen auf Französisch - ich hatte Französisch in der Schule, das ging dann ganz gut, dass ich dann zumindest aus dem Hören auch wirklich noch mich orientieren konnte - es gab andere Songs da - keine Ahnung was sie gerade singen… Ich sage das, was im Text steht. Ich hoffe, ihr haltet euch an euren Text. Sonst erzähle ich gerade was anderes als ihr. Das wäre schlecht. Ansonsten war das vor allem ganz, ganz viel immer wieder Hören. Also, ich kann auch fast alle Texte immer noch auswendig. Wenn die so kommen, kann ich auch ohne Probleme mitsingen. Wir wussten bis Donnerstag Abend auch nicht, wer Samstag im Finale steht. Also, wir haben, ich vielmehr, hab halt 50 Lieder vorbereitet, hab dann Freitagabend noch den Song von Justin Timberlake und dieses Love Love, Peace Peace was sie da noch haben. Und es war echt echt schön. Und die haben halt auch einfach so coole Sachen gemacht wie: Es gab dann die Abschlussparty mit Jamie-Lee Kriewitz und so. Und wir waren einfach als Dolmetscher mit eingeladen und es war so eine Geste von: Ihr seid nicht irgendwie die komischen Leute, die da immer am Rand stehen und irgendwie so fuchteln und düdü machen und sieht schon ganz schön aus. Aber jetzt wissen wir, dass Gebärdensprache nicht international ist, und jetzt dürft ihr eigentlich auch gehen, sondern wir waren einfach Teil des Teams. Das war echt, also das war schöner als jede Rechnung stellen oder so. Es war einfach wirklich toll. Wenn mich meine Oma anruft, dann muss schon echt was passiert sein. Und Oma hat angerufen!

Ob Tommy Krångh im Jahr zuvor auch einen Anruf von seiner Oma bekommen hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall kam seine Gebärdensprachverdolmetschung des Eurovision Song Contest 2015 im schwedischen Fernsehen auch super an. (Wir erinnern uns: damals gewann Tommys Landsmann Måns Zelmerlöw mit „Heroes“.) Inzwischen gibt es aber auch viele andere Musikgenres, in denen sich Gebärdensprachdolmetscher engagieren: sei es beim Kölner Karneval, bei Hip Hop von Eminem, dem Musical Hamilton oder einfach nur bei Weihnachtsmusik. Jede Jeck ist eben anders!

Damit das mit dem Dolmetschen gut klappt, ist gerade bei Live-Konzerten gute Vorbereitung besonders wichtig:

"Also für ein Konzert ist für die Band die Vorbereitung sogar für mich eigentlich relativ simpel. Ich brauche einen Quadratmeter auf der Bühne - je mehr Platz, je schöner wird’s. Dann muss ich was hören. Am liebsten ist mir so ein In-Ear-Monitoring mit Kopfhörern und einem kleinen Kasten am Gürtel, und ein Scheinwerfer. Ansonsten brauche ich die Setlist, und wenn die Songs online sind oder man sie so einfach besorgen kann, dann funktioniert, dann reicht das eigentlich schon. Manche versorgen mich einfach mit so Alben und so. Es war total cool. Ann-Mai Kantareit hat mir einfach mal ein Paket geschickt mit ihrem kompletten Merchandising-Material inklusive aller Alben. Das war der Hammer! Ich habe dieses Ding von der Post abgeholt und war so: Was ist das? Schicken die den Sänger mit? Was ist da drin?“

So richtig angefangen mit dem Live-Musik-Dolmetschen hat das bei Laura mit der Band Keimzeit. Genauer gesagt mit einem Keimzeit-Fan:

„Da hab ich auch ne Nachricht einfach gekriegt: Hallo Laura, hier ist Maren, möchtest du mit Keimzeit auf Tour gehen? Ich kannte also von Keimzeit einen Song und Maren kannte ich gar nicht. Und Maren war letztendlich ein spät ertaubter Fan von Keimzeit, die gesagt hat: Ich würde gerne weiter mit meinen Freunden jedes Jahr zu eurem Abschlusskonzert kommen, aber alles was ihr neu komponiert habt, damit kann ich so gar nichts mehr anfangen. Und ihr seid nicht Rammstein. Es gibt nicht genug zu gucken, als dass es sich dafür lohnt. Macht mal was! Das ist eine Band die ganz, ganz stark über das Akustische funktioniert, und ist keine, die tanzen nicht, die machen keine Salti auf der Bühne, die klingen einfach sehr, sehr geil. Deswegen haben die dann gesagt: Gut, dann probieren wir es mal so. Und dann hat es aber nochmal zwei Jahre gedauert, bis es wirklich geklappt hat. Weil die ganz viele Veranstalter angefragt haben, die Veranstalter aber gesagt haben: Boah, geile Idee, aber vielleicht nicht bei mir. Die Konzerte waren ohnehin ausverkauft oder zumindest immer gut gefüllt. Warum sollten sie was am Konzept ändern? Und dann auch noch so jemand wie aus der Tagesschau. Das passt ja gar nicht. Und dann kommen da die Behinderten, und dann kommen vielleicht die Normalen nicht mehr. Wer weiß? Und dann war es irgendwann der Veranstalter aus dem Kesselhaus in Berlin, der gesagt hat: Ja, wenn euch das so wichtig ist, dann macht es halt, um Gottes Willen, aber sagt es vorher bloß keinem. Und dann habe ich ein Video gemacht, in Gebärdensprache, ohne Untertitel. Der Titel hat nicht verraten, worum es im Video ging. Und es war nicht vertont. Also, wer keine Gebärdensprache konnte, der hat es nicht verstanden. Und der Wandel war aber echt schon so nach den ersten zwei, drei Songs, dass dann der Veranstalter zum Management ging und sagte, ey, aber die bringt ihr nächstes Jahr wieder mit, oder?“

Ich wollte aber von Laura schon wissen, ob so viel Aufmerksamkeit nicht auch manchmal komisch ist?

„Das ist super, ist total großartig. Was besseres kann uns doch gar nicht passieren als Leute, die über den Beruf reden. Leute wissen nichts. Woher? Was man ihnen nicht erzählt, das können sie nicht wissen, und deswegen müssen wir einfach gucken, dass wir so viele Leute wie möglich haben, die Menschen Sachen erzählen; am besten Sachen, die stimmen und deswegen kann einem eigentlich nichts Besseres passieren als sowas wie, was weiß ich, die Mandela-Beerdigung in Südafrika. Die haben unendlich gute Kollegen vor Ort, die auch international ausgebildet sind. Aber da haben sie leider ein Exemplar erwischt… Das war doch etwas kurios. Es hat immer zwei Seiten, wenn der Dolmetscher selber im Mittelpunkt steht ist. Zum einen glaube ich, dass es für den Beruf total wichtig ist. Zum anderen muss es aber immer so eine Balance halten zu: Über was spreche ich? Also wenn ich als Dolmetscher übers Gebärdensprachdolmetschen erzähle, großartig, her damit. Aber wenn ich als Dolmetscher eingeladen bin, um über Gebärdensprache zu reden, ist das immer nur die Perspektive von mir auf meine Arbeitssprache. Aber dann ist es nie die Perspektive von mir auf meine Kultur, auf meine Muttersprache, auf meine Sicht auf die Gebärdensprache. Ich glaube, dass wir in dieser ganzen Debatte um Gebärdensprache nicht vergessen dürfen, dass es da Experten gibt, die das einfach schon ein bisschen länger machen als wir, und die einfach unheimlich gut Bescheid wissen. Klar ist es auch für den Veranstalter, ja es kostet Geld, einen Dolmetscher zu beauftragen, den ich brauche, damit ich mit einem gehörlosen Gast auf dem Podium diskutieren kann. Na klar, und ich muss erst mal einen Dolmetscher finden, und der Aufwand ist höher. Aber ich glaube letztendlich, dass der Output wesentlich beeindruckender ist, wenn da ein Gehörloser sitzt und einfach die Hände hebt und erzählt, als wenn da ein Dolmetscher sitzt und sagt, na ja, wir gestikulieren auch viel, aber es ist dann doch etwas anderes.“

[Musik: Ryan Andersen - Clarity]

Vielen Dank an Laura für ihren Bericht aus Gehörlosistan! Ich hoffe, euch hat das Zuhören bei dieser zweiten Folge meiner Miniserie übers Gebärdensprachdolmetschen so viel Spaß gemacht wie mir die Produktion. Ich habe jedenfalls unheimlich viel gelernt, auch über Inklusion.

„Ich glaube, das ist so der Spirit von Inklusion, den wir gerade haben, den ich total schön finde, das ist halt nicht mehr so: Das muss alles irgendwie ein gefördertes Projekt. Man muss einen Förderantrag stellen für die armen Behinderten, sondern lasst das mal machen, das ist echt. Da müssen wir hin. Inklusion muss ‚Ey, das ist cool, lass uns das mal machen’ sein.“

Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Wir hören uns dann beim nächsten Mal - ich spreche mit Stephan Barrère, einem Gebärdensprachdolmetscher aus Frankreich. A bientôt !

„Dass sich der Sänger mal versingt, ich mal eine Vokabel umdrehe oder plötzlich doch mal im Dunkeln stehe, der Schlagzeuger irgendwie seinen Stick wegwirft - also darum geht's doch bei Live-Konzerten. Dass man im Publikum auch mal steht und denkt, höhö, du auch nur mit Wasser, das ist ja toll! Und ich bin irgendwann bei so einer Choreographie angekommen, die nichts mehr von diesem Live-Gefühl hat, dann kann ich darauf zum einen ganz ganz schlecht reagieren und zum anderen finde ich, ist es auch unfair den Gehörlosen gegenüber, weil, wenn die so'n vorbereitetes Ding kriegen, dann können sie sich ja auch 'n Musikvideo angucken. Deswegen bin ich Simultan-Dolmetscher geworden, die erste Übersetzung ist meistens eine schöne.“


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